Der Beschluss und der Kommentar von "Pro Aufstieg"

Was nach dem Abschluss des laufenden Kooperationsvertrages zwischen der DEL und dem DEB als trauriges Kapitel endlich in die deutschen Eishockey-Geschichtsbücher abgelegt wurde und ob der Irrationalität des bloßen Gedankens nur zaghaft ernst genommen wurde, landete wie ein Peitschenschlag in den Gesichtern und Herzen der überwältigenden Mehrheit der deutschen Eishockeyfans und -freunde:

Die DEL beschloss die Abschaffung von Auf- und Abstieg zwischen den ersten beiden Eishockeyligen des Landes, DEL und 2. Bundesliga.

Im Folgenden finden Sie die offizielle Pressemitteilung der DEL zum betreffenden Beschluss vom 19. Mai 2005, der laut Presserecherchen mit 11:3 Stimmen gefasst wurde sowie den Kommentar von "Pro Aufstieg" gegen diesen Beschluss.

Die DEL-Meldung

Der "Pro-Aufstieg"-Kommentar


Die DEL-Meldung zum Beschluss vom 19. Mai 2005:

DEL ab 2006/2007 ohne Auf- und Abstieg

Auf ihrer gestrigen Gesellschafterversammlung in Frankfurt-Mörfelden haben die Gesellschafterclubs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) beschlossen, ab der Saison 2006/2007 die derzeitigen Regelungen zu Auf- und Abstieg abzuschaffen.

Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL): "Die DEL Clubs haben sich in den letzten Monaten intensiv mit dem Thema Auf- und Abstieg beschäftigt. Wir wissen um die angebliche ´Tradition´, dass ein deutsches Ligensystem mit einem derartigen Austausch zwischen den einzelnen Klassen zu arbeiten hat. Wir kennen auch alle Argumente, die für einen Auf- und Abstieg in der derzeitigen Form sprechen.

Es hat sich aber insgesamt bei der Analyse der Vor- und Nachteile heraus gestellt, dass die Nachteile deutlich überwiegen. Deshalb haben sich die DEL-Clubs entschieden, die bestehende Form von Auf- und Abstieg nicht weiter fortzusetzen.

Im Rahmen unserer Entscheidungsfindung sind in erster Linie folgende Punkte ausschlaggebend gewesen:

1. Die meisten unserer modernen Spielstätten, auf denen das Wachstum der DEL zu einem großen Teil basiert, werden oder sind von privaten Investoren finanziert, die für ihre Vorhaben die wirtschaftliche Planungssicherheit eines kontinuierlichen und attraktiven Mieters in Form eines DEL-Clubs benötigen.

2. Das Zuschauer- und Medieninteresse an den Play-downs der DEL lag in allen Jahren deutlich unterhalb der jeweiligen Durchschnittswerte der Liga.

3. In den letzten Jahren ist es nie zu dem gewünschten sportlichen Austausch der Clubs zwischen der DEL (Verlierer der Play-downs) und der zweiten Liga (Sieger der Play-offs) gekommen, ohne dass wirtschaftliche Aspekte mitentscheidend waren oder Ausnahmegenehmigungen erteilt werden mussten.

4. Die Aussicht auf einen Aufstieg in die DEL hat die Clubs in den unteren Ligen dazu bewogen, relativ teure Spieler zu verpflichten und bei einer negativen sportlichen Entwicklung während der Saison weiter ins wirtschaftliche Risiko zu treten und zusätzliche Spieler zu verpflichten oder Trainerwechsel vorzunehmen. Entsprechendes gilt für DEL-Clubs zur Vermeidung des Abstiegs.

5. Ferner hat die Aussicht auf einen Aufstieg in die DEL hat in den unteren Ligen dazu geführt, dass die für uns alle wichtigen jungen deutschen Spieler relativ wenige Einsätze bekommen haben und z.B. die Förderlizenzregel nicht ihre volle mögliche Wirkung entfalten konnte. Stattdessen haben die Clubs verstärkt auf ausländische und ältere Spieler gesetzt. Eine Heranführung der Spieler von der DNL an die DEL wird dadurch erschwert.

6. Nicht zuletzt ist in anderen europäischen Ligen aus den gleichen Gründen ein sportlicher Auf- und Abstieg bereits abgeschafft worden oder soll zeitnah abgeschafft werden, wie beispielsweise in Finnland, Russland oder auch der Schweiz. Die Erfahrungen dieser Länder mit einem geschlossenen System sind durchweg positiv.

Die DEL sieht durchaus ihre Verpflichtung für das gesamte deutsche Eishockey und wird daher in den kommenden Wochen und Monaten Gespräche mit dem DEB über eine Umstrukturierung des Unterbaus im Sinne einer gezielteren Förderung des Nachwuchses führen sowie gemeinsam mit den beteiligten Parteien entsprechende Konzepte erarbeiten. Darüber hinaus werden wir Modalitäten festlegen, um auch zukünftig neu entstehende Standorte in die DEL integrieren zu können."

Quelle: www.del.org; veröffentlicht am 20.05.2005

 


Die "Pro-Aufstieg"-Gegenargumentation

Eishockey ohne Ei

Warum die Funktionäre der DEL unseren Sport kastrieren werden

Ja, wir haben verstanden: Sport und Business sind eins. Wir haben verstanden, dass Sportarten Märkte sind. Wir haben verstanden, dass Profiligen Produkte sind. Wir haben aber auch verstanden, warum wir diese Produkte lieben - weil sie manchmal wie Orgasmen sind. Eben deshalb sagen wir: Nein! Wir sagen nein zur Kastration des deutschen Eishockeys. Wir sagen nein zur Zirkusliga DEL. Wir sagen nein zur Abschaffung von Auf- und Abstieg.

Wir glauben nicht, dass die Pläne der DEL unseren Sport nach vorne bringen werden. Im Gegenteil. Bei diesen Plänen handelt es sich um den fantasielosen Geistesblitz einiger ängstlicher Funktionäre, die nicht verstanden haben, warum wir dieses Produkt lieben. Die ganze Planlosigkeit des Tripcke-Plans manifestiert sich in sechs Argumenten, die die DEL als offizielle Begründung veröffentlicht hat. "Pro Aufstieg" kommentiert diese Begründung.


1. Argument: Die meisten unserer modernen Spielstätten, auf denen das Wachstum der DEL zu einem großen Teil basiert, werden oder sind von privaten Investoren finanziert, die für ihre Vorhaben die wirtschaftliche Planungssicherheit eines kontinuierlichen und attraktiven Mieters in Form eines DEL-Clubs benötigen."

Auch als Jurist weiß Herr Tripcke: Wirtschaft lässt sich nie planen. Also gibt es auch keine wirtschaftliche Planungssicherheit. Unsicherheit ist das Wesen einer jeden Investition, die Vollkasko-Investition gibt es nur im Lehrbuch. Planen lassen sich dagegen gute Produkte. Zum Beispiel das Produkt Eishockey. An guten Tagen ist Eishockey wie ein Orgasmus. Zum Beispiel während der Playoffs, wenn es um Meisterschaften geht. Oder um den Aufstieg. Oder gegen den Abstieg. Immer dann also, wenn uns das Wesen des Sports, kurz: Wettstreit und Wettbewerb, schreien lässt vor Glück und Schmerz. In diesen Momenten lieben wir Eishockey: Einer gewinnt, einer verliert. Einer triumphiert, einer steigt ab. Das ist das Produkt, das wir kaufen möchten! Wenn dieser Orgasmus in einer beheizten Halle mit Popcornverkäufern stattfindet - schön! Doch wer will für Popcorn auf einen Orgasmus verzichten?

Ihr Strategen in der DEL müsst Euch darüber im Klaren sein, dass Ihr Euer Produkt zerstören werdet, dass Ihr unser Produkt zerstören werdet, mit diesen Hirngespinsten. Unser Produkt heißt Sport. Unser Produkt heißt Wettstreit. Unser Produkt heißt Eishockey. Nur deshalb kommen wir in die Arenen. Die beste Planungssicherheit für Investoren ist deshalb ein gutes Produkt. Ein schlechtes Produkt dagegen ist die beste Voraussetzung für die Pleite.

"2.Argument: Das Zuschauer- und Medieninteresse an den Play-downs der DEL lag in allen Jahren deutlich unterhalb der jeweiligen Durchschnittswerte der Liga."

Diese Analyse ist falsch. Das Zuschauerinteresse an den Play-Downs lag in Freiburg (4250) deutlich oberhalb der Durchschnittswerte der Ligenspiele (3250). Das Zuschauerinteresse an den Play-Downs lag in Wolfsburg (2400) deutlich oberhalb der Durchschnittswerte der Ligenspiele (2100). Das Zuschauerinteresse an den Play-Downs lag in Kassel (4500) deutlich oberhalb der Durchschnittswerte der Ligenspiele (3800). Das Zuschauerinteresse an den Play-Downs war in Hannover identisch mit dem Durchschnittswert der Ligenspiele (3500). Dies zeigt zweierlei. Erstens: Sobald es im Sport um etwas geht - Aufstieg, Abstieg, Meisterschaft - elektrisiert dies die Zuschauer und die Medien und lockt sie in die Arenen. Zweitens: Die DEL versucht, mit falschen Zahlen Meinung zu machen.

Richtig ist: Das Zuschauer- und Medieninteresse an den Play-Downs lag in der DEL solange unter dem Durchschnittswert der Liga bis die sportliche Verzahnung mit der zweiten Liga eingeführt wurde. Dies aber ist das beste Argument pro Auf- und Abstieg!

"3.Argument: In den letzten Jahren ist es nie zu dem gewünsch-ten sportlichen Austausch der Clubs zwischen der DEL (Verlierer der Play-downs) und der zweiten Liga (Sieger der Play-offs) gekommen, ohne dass wirtschaftliche Aspekte mitentscheidend waren oder Ausnahmegenehmigungen erteilt werden mussten."

Diese Argumentation ist absurd: Die DEL kritisiert ein System, das sie selbst zu verantworten hat. Gäbe es diese ganzen Auflagen zur Finanzkraft der Klubs, zum Hallenkomfort und zur Zahl der Popcornverkäufer nicht, so gäbe es auch das ganze Lizenzierungs-Hickhack nicht. In Südbaden gibt es für solche Absurditäten ein schönes Sprichwort: Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist die Badehose schuld. Dieses Argument zeigt wiederum zweierlei. Erstens: Die DEL operiert auch hier mit falschen Fakten - denn Freiburg ist ohne Ausnahmegenehmigung in die DEL aufgenommen worden, bei Duisburg dürfte dies ebenfalls der Fall sein. Zweitens: Ausnahmegenehmigungen können auch Sinn machen. Denn ohne Ausnahmegenehmigung gäbe es heute den Standort "Hannover" nicht - und damit auch nicht die die Preussag-Arena. Ohne Ausnahmegenehmigung gäbe es heute den Standort "Hamburg" nicht - und damit die ColorLine-Arena. Ohne Ausnahmegenehmigung gäbe es heute auch den Standort "Ingolstadt" nicht - und damit den Playoff-Halbfinalisten des Jahres 2005. Der hat vor drei Jahren noch in der 2.Liga gespielt - und ist dann aufgestiegen…

"4.Argument: Die Aussicht auf einen Aufstieg in die DEL hat die Clubs in den unteren Ligen dazu bewogen, relativ teure Spieler zu verpflichten und bei einer negativen sportlichen Entwicklung während der Saison weiter ins wirtschaftliche Risiko zu treten und zusätzliche Spieler zu verpflichten oder Trainerwechsel vorzunehmen. Entsprechendes gilt für DEL-Clubs zur Vermeidung des Abstiegs."

Auch dieses Argument muss in den Hades eines jeden Realitätssinns verwiesen werden. Lieber Herr Tripcke: Es geht um Sport. Sport heißt Wettstreit. Um besser zu sein, als die Wettbewerber, muss man investieren. Will man aber auch morgen noch leben, darf man nicht zu viel investieren. Punkt. Dies ist ein Prozess, der sich automatisch vollzieht. Ungeachtet dessen, ob es um die Deutsche Meisterschaft, die Playoff-Teilnahme, den Abstiegskampf, oder die Trostrunde des Hotzenwaldpokals geht. Das Phänomen, dass Sport-Organisationen tendenziell waghalsige Investments in Spielertransfers tätigen, ist kein Problem von Auf- und Abstieg. Es liegt im Wesen des Sports, besser sein zu wollen, als die anderen. Wenn diese Überinvestments also das eigentliche Problem sind, so gibt es andere effiziente Instrumente, zum Beispiel Salary Caps. Andernfalls zeigt sich auch an dieser Stelle die Sportfremdheit der DEL-Funktionäre, die es verkennen, dass ein Club seine sportlichen und wirtschaftlichen Planungen immer am möglichen Erfolg und keineswegs am Misserfolg ausrichten wird.

Ihre Fürsorge für die ESBG-Klubs, liebe DEL-Gesellschafter, ist unglaubwürdig. Wenn Sie sich um das wirtschaftliche Wohlbefinden der Zweitligaklubs Sorgen machen, dann behalten Sie Auf- und Abstieg bei! Denn ihre Argumentation basiert ausschließlich auf der Kostenseite (Spielerverpflichtungen). Ohne Auf- und Abstieg jedoch verlagert sich das Problem auf die Erlösseite, weil sich dann nur noch ein paar Popcornverkäufer für das Produkt interessieren.

"5.Argument: Ferner hat die Aussicht auf einen Aufstieg in die DEL hat in den unteren Ligen dazu geführt, dass die für uns alle wichtigen jungen deutschen Spieler relativ wenige Einsätze bekommen haben und z.B. die Förderlizenzregel nicht ihre volle mögliche Wirkung entfalten konnte. Stattdessen haben die Clubs verstärkt auf ausländische und ältere Spieler gesetzt. Eine Heranführung der Spieler von der DNL an die DEL wird dadurch erschwert."

Wer hat eigentlich für die deutsche Nationalmannschaft bei der WM gespielt, lieber Herr Tripcke? Nehmen Sie Sulzer, Kathan, Morczinietz, Lewandowski, Fical, Schauer, Kopitz, Furchner oder Martinec: All diese Spieler haben ihre ersten Erfahrungen im Profieishockey in der 2.Eishockey-Bundesliga gemacht. Fakt ist deshalb, dass die DEL von einem guten Niveau der zweiten Liga profitiert, da dort junge deutsche Spieler bzw. Förderlizenzspieler ausgebildet werden können. Fakt ist auch, dass sich die zweite Liga längst als Ausbildungsliga der DEL etabliert hat. Und Fakt ist außerdem, dass junge deutsche Spieler in der 2.Eishockey-Bundesliga viel mehr die Chance haben, Verantwortung zu übernehmen und Eiszeit zu bekommen als in der DEL, wo sie gemeinhin zu stumpfsinnigen Checking-Line-Robotern ausgebildet werden. Das Versagen der deutschen Eishockeynationalmannschaft ist deshalb nicht das Versagen der 2.Eishockey-Bundesliga. Es ist das Versagen der Talentförderung der DEL-Klubs.

In der 2.Eishockey-Bundesliga gilt längst die U23-Regelung. Dies führt dazu, dass jedes Team junge Spieler in den Kader aufnehmen muss. Ein Blick auf die Kaderlisten zeigt, dass die Clubs in der zweiten Liga großen Wert auf die Ausbildung und Verpflichtung junger Spieler legen. Im Gegensatz zu vielen DEL-Klubs! "Pro-Aufstieg" schlägt deshalb vor: Herr Trpicke, reduzieren sie die Zahl der Kontingentstellen in der DEL, wenn es ihnen wirklich darum geht, junge deutsche Eishockeyspieler zu fördern!

"6.Argument: Nicht zuletzt ist in anderen europäischen Ligen aus den gleichen Gründen ein sportlicher Auf- und Abstieg bereits abgeschafft worden oder soll zeitnah abgeschafft werden, wie beispielsweise in Finnland, Russland oder auch der Schweiz. Die Erfahrungen dieser Länder mit einem geschlossenen System sind durchweg positiv."

In den genannten Ländern ist die Zahl der möglichen Erstligastandorte entweder wirtschaftlich (Russland) oder geographisch (Finnland, Schweiz) beschränkt. In Russland kann sich beispielsweise nur eine bestimmte Anzahl von Vereinen einen Privatjet leisten, ohne den bei den immens großen Distanzen ein Spielbetrieb gar nicht möglich wäre. Dort streben keine Vereine von unten nach oben. Und in der Schweiz formiert sich sehr wohl ein großer Widerstand gegen eine Schließung der Liga. Es ist deshalb unsinnig und rhetorisch ungeschickt zu behaupten, die Schweiz habe gute Erfahrungen mit der Abschaffung des Auf- und Abstiegs gemacht. Herr Tripcke, in der Schweiz wurde diese Regelung massiv torpediert und zwischenzeitlich wieder abgeschafft!

Bleibt neben den Ländern, in denen über die Abschaffung von Auf- und Abstieg diskutiert wird und in deren Ligen die Teams zudem entweder de jure oder de facto überwiegend bis fast ausschließlich mit eigenen Spielern besetzt werden, noch das Beispiel Nordamerika: Die NHL hat trotz einer seit Jahren aggressiven Expansionspolitik aktuell ein riesengroßes Strukturproblem und in den Minor Leagues gehen - ohne Aufstiegsmöglichkeit - regelmäßig Clubs vor die Hunde!

Liebe Gesellschafter der DEL, Sie denken in Produkten, Märkten und Marken. Dann aber sollten Sie wissen, dass der Schlüssel für erfolgreiche Marken Stetigkeit, Stimmigkeit und Berechenbarkeit sind. Also genau das Gegenteil von dem, was Sie gegenwärtig in der DEL veranstalten!

Für "Pro Aufstieg" Markus Hofmann & Dirk Bersch.